Die Psychoanalyse ist diejenige wissenschaftliche Methode der Seelenheilkunde, die das Unbewusste als einen wichtigen Motor des Seelenlebens systematisch erforscht hat. Die Grundgedanken der Psychoanalyse gehen auf die Arbeiten Sigmund Freuds zurück, die im Laufe der letzten 100 Jahre weltweit von zahlreichen Ärzten und Psychologen überarbeitet und ergänzt wurden. So ist die Psychoanalyse heute keineswegs überholt oder verstaubt, sondern stellt wegen ihrer langen Geschichte einerseits ein höchst aktuelles Modell (Tiefenpsychologie) für das Funktionieren unseres Gefühlslebens und die Entstehung von Störungen des seelischen Haushalts dar, andererseits eine Grundlage für unterschiedliche psychoanalytisch fundierte Therapieformen. Dazu gehören: Psychoanalyse, Analytische Psychotherapie, tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie – in Einzel- und Gruppentherapien. Darüber hinaus bietet die Psychoanalyse ein Modell der Kulturtheorie, welches längst in unser westliches Denken integriert ist und zudem von anderen Wissenschaften wie der Soziologie, der Medien- und Neurowissenschaft genutzt wird, aber auch in der Kunst, der Literatur und im Alltagsleben seine Bedeutung hat. Die Psychoanalyse geht davon aus, dass es in der seelischen Struktur des Menschen Bereiche gibt, die nicht alle dem bewussten Denken zugänglich sind. Sie unterscheidet neben dem Bewussten und dem Vorbewussten (einem quasi “Halbbewussten”) das Unbewusste; einen Bereich, der zwar dem direkten Zugriff durch das bewusste Denken verschlossen ist, sich aber dennoch in alle wesentlichen Gefühle und Handlungen einbringt und somit Beziehungen und Begegnungen, Handlungen und Wünsche des Menschen intensiv beeinflusst. Bewusst sind dabei nur die Spuren des Unbewussten zugänglich: im Symbolischen, in Träumen, in immer wiederkehrenden Mustern des Erlebens und Verhaltens und in kulturellen Traditionen.
Die Persönlichkeit des Menschen wird durch bestimmte Instanzen geformt: das “Es” gilt als Bereich der triebhaften, biologisch festgelegten emotionalen Bedürfnisse, die unbedingt nach Befriedigung drängen. Das “Ich” hat eine Mittler- und Filterfunktion und sorgt dafür, dass einerseits die Es-Impulse zu einer gewissen Befriedigung kommen, alles aber im Rahmen der realistischen Möglichkeiten des Alltags bleibt und den Ansprüchen von “Über-Ich” und “Ideal-Ich” Genüge getan wird, in denen gesellschaftliche und familiäre Regeln, Moral, Werte, Normen und Idealvorstellungen über sich selbst vertreten sind. Dieser Vermittlungsprozess des “Ich” kann je nach Persönlichkeit zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen und entsprechenden Verhaltens- und Erlebensweisen führen: mehr “Es”-haft oder mehr “Über-Ich”-betont.
Die Persönlichkeit formt sich im Laufe von Kindheit und Jugend auf der Grundlage biologischer Anlagen jedes Einzelnen und unter dem Einfluss von Familie und Gesellschaft. Hierbei durchläuft jeder bestimmte lebensgeschichtlich vorgegebene Entwicklungsphasen, in denen unterschiedliche Grundbedürfnisse besonders ausgeprägt sind und ganz bestimmte phasentypische Fähigkeiten auf körperlicher und seelischer Ebene reifen, z.B. Gestillt-Werden, Allein-Essen lernen, Laufenlernen, Reinlichkeitserziehung, Sprechen, kindliche Erotik etc..
In jeder Lebensphase kann es zu Entwicklungsproblemen kommen, die sich dann erst im späteren Leben in Form bestimmter seelischer Konflikte quasi als Langzeitfolgen zeigen.
In den letzten Jahrzehnten haben sich Psychoanalytiker intensiv – neben der Behandlung von Neurosekranken - auch der Behandlung psychisch Schwerkranker gewidmet und auch in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen intensiver geforscht. Das hat zu wichtigen neuen wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen über die Bedeutung von Bindung und Beziehungen des Menschen zu wesentlichen Personen seiner Biographie geführt.
Inzwischen ist auch klar, dass traumatische Erfahrungen, die – unverarbeitet - Anlass zu schweren psychischen und körperlichen Erkrankungen werden können, nicht allein aus frühen Kindheitsjahren stammen - so wie man früher angenommen hatte. Auch im späteren Leben können Traumatisierung durch Krieg, Verfolgung, Verbrechen oder massive persönliche Kränkungen zur Ursache psychischer und körperlicher Störungen werden, die mittels einer Psychoanalyse aufgearbeitet werden können.
Die Forschungsergebnisse der Psychoanalyse und wichtige ihrer Grundthesen konnten in den letzten Jahren auch durch die modernen Neurowissenschaften nachvollzogen werden und von einem rein naturwissenschaftlichen Konzept her verstanden und noch erweitert werden.
In der Theorie der Psychoanalyse wird davon ausgegangen, dass jeder im Grunde ständig Entscheidungskonflikten ausgesetzt ist. Diese können gut ausgehen oder zu unteroptimalen Lösungen führen, die unter innerem oder äußerem Druck eher zwangsweise zustande kommen. Aus den Einschränkungen, die daraus folgen, können auf lange Sicht Symptome erwachsen, die als Zeichen dafür gelten, dass der Mensch dem Thema des inneren Konflikts (Komplex) verhaftet geblieben ist. Damit der Komplex den Seelenhaushalt nicht andauernd stört, werden die ungelösten Konflikte abgewehrt und ins Unbewusste verschoben. Hierzu nutzt die Seele eine ganze Reihe von Abwehrmechanismen, von denen Verdrängung, Verleugnung, Projektion, Identifikation, Spaltung, Wendung gegen das Selbst und psychosomatische Reaktion zu den bekanntesten gehören. Vom Unbewussten jedoch drängen die Probleme nach wie vor nach Lösungen: Wiederholungsmuster, spezifische Persönlichkeitszüge, Symptome und seelische Krankheit können entstehen.
Immer dann, wenn eines oder mehrere der folgenden Probleme/Symptome verstärkt oder über längere Zeit auftreten, sollte psychotherapeutische Hilfe aufgesucht werden:
Die Krankheiten und Störungen, die zu den beschriebenen Symptomen führen können und die sich erfolgreich mit Analytischer Psychotherapie behandeln lassen, sind meist Depressionen, Angststörungen, Neurosen, Zwangskrankheiten, Sexualprobleme, Persönlichkeitsstörungen und psychosomatische Störungen.
In den ersten Sitzungen geht es zunächst um die aktuellen Beschwerden und darum, einen ersten Einblick in die möglichen Ursachen der Probleme zu bekommen. Diese Probesitzungen dienen aber nicht nur der möglichst genauen Diagnostik, sondern es geht auch darum, eine erste Erfahrung miteinander zu machen und zu probieren, ob Patient und Therapeut miteinander ins Gespräch kommen und arbeiten können. Es ist sicher nicht sinnvoll, eine Behandlung zu beginnen, wenn sich kein rechtes Vertrauen aufbaut oder gar schon zu Anfang der Widerstand gegen den Therapeuten und/oder die Methode zu groß ist. Das zehrt zu stark an den Kräften.
Auch Details der Rahmenbedingungen und der Finanzierung der Therapie werden abgeklärt und die notwendigen Anträge für die Krankenkasse geschrieben.
Die Analytische Psychotherapie soll einen Zugang zu den unbewussten Tiefen der Seele ermöglichen. Dazu verhilft auch ein besonderes Setting: Die Therapiestunden finden mehrmals die Woche statt – zwischen zwei- und viermal – und häufig im Liegen auf der schon sprichwörtlichen Couch. Frequenz und entspannte Körperlage fördern die Konzentration und eine intensive Beschäftigung mit sich selbst, seinen Phantasien, Wünschen, Träumen, Gefühlen und Gedanken.
In besonders begründeten Fällen kann eine analytische Psychotherapie durchaus auch niederfrequent, d.h. einmal wöchentlich durchgeführt werden.
Das Ziel der Analytischen Psychotherapie ist auf lange Sicht hin gedacht. Es geht nicht darum, Symptome schnell “wegzumachen”, sondern darum, Einsicht in sich selbst und die bisher unbekannten Seiten zu gewinnen und daraus langfristig eine veränderte Haltung zu sich, den Mitmenschen und der Umwelt zu gewinnen. Dann werden Symptome überflüssig, weil sie weder als Hinweis für einen ungelösten Konflikt dienen müssen, noch die symptombelastete unteroptimale Konfliktlösung mehr nötig ist. Der Weg zu einem besser ausbalancierten Seelenleben verläuft allerdings oftmals gewunden und hält Überraschungen bereit! So kann es einem zu Beginn der Therapie schnell besser gehen, sich dann aber eine sehr mühsame Phase der Durcharbeitung der Probleme anschließen, bevor sich eine langfristige innere Entlastung Platz macht. Es geht in der Psychoanalyse letztlich darum, durch Bewusstmachen von Unbewusstem neue Perspektiven zu entdecken. Das verhilft dazu, das eigene Leben intensiver und gefühlvoller zu erfahren, damit mehr selbst-gestaltet und zufrieden stellend. Probleme und unvermeidliche Konflikte lassen sich dann langfristig leichter bewältigen, weil einem mehr Möglichkeiten und seelische Ressourcen zu Verfügung stehen.
Zentrale Fragen, die in der Psychoanalyse behandelt werden und die zu einer konsequenten Umsetzung im Alltag führen sollen, sind:
Wer bin ich?
Wie bin ich so geworden?
Was brauche ich?
Welche Funktion haben die Symptome?
Wie kann ich werden?
Das Auftauchen von unzugänglichem Unbewussten, Verdrängten wird auch durch die Therapieregeln unterstützt: Alles Seelische soll möglichst unzensiert zugelassen werden; alles, was einem gerade durch den Kopf geht, sollte ins Gespräch kommen können. Dazu bietet die Therapie einen geschützten Raum. Die Therapeuten halten sich generell eher zurück – anders als im Alltagsgespräch. Sie hören zu, warten ab und spiegeln dann die auftauchenden Gefühle, deuten mögliche innere Zusammenhänge mit früher Erfahrenem oder zeigen alternative Sichtweisen des Themas auf. So arbeitet man sich langsam und sorgfältig an einem inneren “roten Faden” entlang, deckt bisher Unbewusstes auf und nutzt die Einsicht, um einen neuen Zugang zur Welt und zu sich selbst zu gestalten.
Typisch für eine Analytische Psychotherapie ist, dass die Wiederholungsmuster nicht nur für die Alltagssituationen besprochen werden, sondern dass auch danach geforscht wird, wo sich die Muster innerhalb der therapeutischen Beziehung abzeichnen (Übertragung). Das ist deshalb so wichtig, weil dann ganz aktuell quasi an Ort und Stelle die inneren Zusammenhänge erfahren und besprochen werden können und bisher unbewusste, unbekannte Aspekte des Themas erarbeitet werden. Die Therapeuten achten zudem auf die Gefühle, die die Patienten in ihnen selbst anrühren und welche Impulse sie auslösen – ohne dass diese jedoch ausgelebt (agiert) werden. Diese so genannte Gegenübertragung zeigt vielfach Ansatzpunkte für die zentralen Probleme der Patienten auf. Das hilft dem Analytiker, sich auf den Analysanden intensiv emotional einzulassen und ihn oder sie in der jeweils ganz individuellen Thematik besser zu verstehen.
Sämtliche Inhalte therapeutischer Gespräche werden streng vertraulich behandelt. Schon die Tatsache allein dass jemand in Behandlung ist, wird vertraulich behandelt. Selbst wenn Psychoanalytiker sich in Supervision oder Intervision untereinander über Therapien austauschen, werden keine Namen genannt.
Analytische Psychotherapie ist auf einen längeren Zeitraum ausgelegt. Das liegt in der Natur der Sache: lange Verdrängtes widersteht der analytischen Arbeit und der Bewusstmachung, hartnäckiger Widerstand kommt auf, alte Muster können trotz ihrer offensichtlichen Nachteile so vertraut sein, dass sie scheinbare Sicherheit versprechen und alles Neue zu ängstigend erscheint.
So ist auch von Seiten der Krankenkassen vorgesehen, dass im ersten Schritt 160 Therapiesitzungen bezahlt werden; zwei Verlängerungen auf 240 und im Bedarfsfall 300 Stunden sind möglich. Das bedeutet eine Behandlungsdauer je nach Frequenz von zwei bis vier Jahren. Die Kassen sehen vor, dass während eines der Behandlungsschritte eine Frequenz von vier Stunden in der Woche finanziell übernommen wird – für die anderen werden höchstens drei Stunden wöchentlich bezahlt.
Die Analytische Psychotherapie ist bei entsprechender Indikation eine Krankenbehandlung und wird – ebenso wie die Vorgespräche – von den gesetzlichen Krankenkassen nach Bewilligung finanziert, von den Beihilfestellen entsprechend anteilig und den privaten Krankenversicherungen je nach Vertragsvereinbarung.
Bei analytischen Gruppentherapien werden bis zu 150 (Doppelstunden) in zwei Verlängerungsschritten übernommen.
Die Vorgespräche werden von den Krankenkassen inzwischen nur zu einem stark reduzierten Satz von etwa einem Fünftel der Kosten einer regulären Therapiestunde – also etwa 15€ - vergütet. Deshalb bleibt den Analytikern häufig keine andere Möglichkeit, als die Probesitzungen auf höchstens zwei zu begrenzen.
Analytische Psychotherapie
Tiefenpsychologische Psychotherapie
Tiefenpsychologische Verfahren